Nei Yang Gong - Interview
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Was ist und was kann Nei Yang Gong? Interview mit Dr. med. Petra Wüller

Was ist und was kann Nei Yang Gong?
Dr. Stephan Mallik im Gespräch mit Dr. med. Petra Wüller.

Qi Gong, Nei Yang Gong, Guo Lin Qi Gong … wenn sich ein Laie zum ersten Mal mit diesen Jahrtausende alten Künsten von Bewegung, Konzentration und Meditation beschäftigt, entstehen oft zunächst mehr Fragen als Antworten.

Gut, wenn man jemanden kennt, der sich auskennt. Dr. med. Petra Wüller ist Ärztin, Meister(in) der Akupunktur, Meister(in) der Ost-Asiatischen Medizin (DÄGfA [1]), Leiterin zahlreicher Qi Gong- und Nei Yang Gong-Kurse, Psychoonkologin (DKG [2]) und Direktorin MammaCare Zentrum für Nord- und Mitteldeutschland [3] sowie Mitglied im Vorstand es Haus Leben e. V. Leipzig, der an seinen Standorten Haus Leben Leipzig und Haus Leben Delitzsch eines der größten psychoonkologischen Betreuungsangebote für Krebspatienten und ihre Familien in Mitteldeutschland umsetzt.

Frau Dr. Wüller, es gibt mehrere Formen chinesischer Bewegungskünste. Worin liegt zum Beispiel der Unterschied zwischen Qi Gong und dem von Ihnen ebenfalls praktizierten Nei Yang Gong?

Petra Wüller: Während Qi Gong einen Oberbegriff für die chinesischen Bewegungskünste darstellt, ist Nei Yang Gong noch stärker auf gesunderhaltende therapeutische Effekte ausgerichtet.

Nei Yang Gong ermöglicht es uns, in Beziehung zu unserem Körper zu treten und ihn bei der Erhaltung oder der Wiederherstellung unserer Gesundheit aktiv zu unterstützen. Diese Fähigkeit basiert auf den Erkenntnissen der Traditionellen Chinesischen Medizin, übrigens ganz ohne Religion oder Esoterik.

Ist Nei Yang Gong Medizin?

Petra Wüller: Ja. Alle Formen des Qi Gong verfolgen drei Ziele. Sie helfen, Krankheiten vorzubeugen, zu lindern oder zu heilen. Dabei ist Qi Gong eine sehr mächtige Form der Selbsthilfe.

Im Falle einer bestehenden Erkrankung wird ein so genanntes „Qi Gong-Rezept“ erstellt, das individuell auf die Bedürfnisse des Patienten abgestimmte Übungen kombiniert. Deshalb spricht man in einer solchen Situation auch von „medizinischem Qi Gong“.

Für einen Krebspatienten werden diese Übungen anders aussehen, als für einen Patienten mit rheumatischen Beschwerden oder Migräne. Deshalb ist es von Vorteil, wenn ein Kursleiter mit mehreren Formen des Qi Gong vertraut ist. Im Idealfall bringt er als Arzt auch noch Erfahrungen aus der Schulmedizin ein, damit eine schulmedizinische Therapie optimal mit Qi Gong verbunden werden kann.

Manche der Übungen wirken nahezu reglos, andere sind sehr bewegungsorientiert. Wo liegt der Unterschied und welche Ziele verfolgen diese Übungen?

Petra Wüller: Das „innen nährende Qi Gong“ besteht aus stillen und bewegten Übungen. Bei den stillen Übungen wird innerlich geübt – das ist gut für die inneren Organe und das Nervensystem. Bei den bewegten Übungen trainiert man das Äußere – also Bänder, Sehnen, Muskeln und Gelenke.

Die Grundstufe der bewegten Übungen sind gesunderhaltende Selbstmassagen. Wir unterscheiden 18 Einzelübungen von Kopf bis Fuß, angefangen vom „stillen Sitzen“ als eine Form der Meditation bis zur Massage der Fußsohlen.

Dabei dienen Massagen nach der chinesischen Vorstellung im Bereich beispielsweise der Nase, der Augen und Ohren dazu, die Sinnesorgane zu pflegen. Mit gezielten Massagen für Nacken sowie Schultern, Hüfte, Knie-, Sprung- und Handgelenke werden letztendlich alle Körperregionen einschließlich der Gelenke einbezogen.

Diese Übungen sollen Krankheiten vorbeugen und kommen auch bei bereits bestehenden Erkrankungen zum Einsatz als Form der Selbsthilfe. Bei Letzterem spielt die Zeit des Übens und die Anzahl der Wiederholungen im Vergleich zu vorbeugenden Übungen eine entscheidende Rolle. Regelmäßigkeit und Dauer der Anwendung steigern die Wirkung. Bei therapeutischen Einsatz von Qi Gong muss man sich im Idealfall auf mehrere Stunden Üben am Tag einlassen.

Was kann man in Ihren Kursen lernen?

Petra Wüller: Zunächst einmal lernen die Kursteilnehmer, inne zu halten und zur Ruhe zu kommen. Allein das ist für viele Menschen schon eine wohltuende Erfahrung.

In unseren Übungen verbinden wir die Elemente Entspannung – Ruhe – Natürlichkeit –Bewegung – Atmung – mentale Vorstellung und Ton. Wobei der Ton nicht zwingend notwendig ist. Die spezielle Musik hilft jedoch gerade Anfängern, den Rhythmus zu finden. Ohne Musik werden viele Übungen als noch intensiver empfunden.

Die Fotos von Nei Yang Gong-Übungen strahlen oft eine große Ernsthaftigkeit und Strenge aus. Darf auch gelacht werden oder ist Nei Yang Gong eine eher spaßfreie Übung?

Petra Wüller: Natürlich darf und soll in unseren Kursen auch gelacht werden. Viele Bilder vermitteln tatsächlich den Eindruck einer sehr nüchternen Bewegungsart – was den Kern der Sache aber verfehlt. Tatsächlich ist während der Übungen nicht viel Raum für Heiterkeit, dafür sind sie bei intensiver Ausführung oft auch zu anstrengend. Als Kursleiterin freue ich mich ganz besonders, dass sich in vielen Gruppen sehr schnell ein intensiver Austausch entwickelt, der auch in den Alltag übertragen wird. Vor und nach den Übungen wird auf jeden Fall gelacht.

Übrigens sind Heiterkeit und Lebensfreude feste Elemente von Nei Yang Gong. Viele Übungen stellen Mühelosigkeit und das Lächeln im Herzen ausdrücklich in den Mittelpunkt. So wird jeder Kurs mit der Übung „Das große Lachen“ abgeschlossen.

Gibt es körperliche Mindestanforderungen für die Übungen?

Petra Wüller: Nein. überhaupt nicht. Es hilft natürlich, über ein Mindestmaß an Gleichgewichtssinn zu verfügen. Grundsätzlich aber ist jede Form des Qi Gong auch für Menschen mit körperlichen Einschränkungen sehr gut geeignet, die ihre motorischen und sensorischen Fähigkeiten verbessern wollen. Viele Übungen können sogar im Sitzen durchgeführt werden.

Der Kursleiter muss die Übungen nur so gestalten, dass niemand überfordert wird. Für einen qualifizierten und erfahrenen Trainer ist das kein Problem. Es muss also niemand befürchten, zu ungeschickt oder zu untrainiert zu sein. Im Gegenteil – oft erleben wir auch bei eher unsportlichen Kursteilnehmern sehr schnell sehr deutliche Fortschritte.

Ist Nei Yang Gong Sport?

Petra Wüller: Das hängt natürlich davon ab, wie man Sport definiert. Wenn „Sport“ bedeutet, immer höher, schneller und weiter zu sein, dann eher nicht. Nei Yang Gong ist eine Form der Bewegung, die eben nicht auf solchen physischen Dimensionen beruht.

Denn primär geht es nicht darum, „besser“ zu sein als Andere, sondern jede Bewegung hat bei uns ein bestimmtes Ziel, einen therapeutischen Effekt. Gleichwohl kann Nei Yang Gong körperlich auch sehr fordernd sein, wenn man es denn möchte.

Auf vielen Bildern Kursen sind nur Frauen zu sehen. Ist Nei Yang Gong Frauensache?

Petra Wüller: Der Eindruck ist leider berechtigt. Obwohl sich Nei Yang Gong für Frauen und Männer hervorragend eignet – in China sieht man fast immer Frauen und Männer gemeinsam üben – , sind es in Europa eher die Frauen, die sich dieser Form der aktiven Bewegung und Entspannung öffnen.

Das mag auch mit dem europäischen Männerbild zusammenhängen. Das Selbstbild des Mannes hier ist oft noch sehr extrovertiert und von Aggression geprägt. Da geht es um scheinbar männliche Qualitäten wie Kraft, Schnelligkeit und Aggression, „Mann“ will sich „auspowern“.

Die scheinbar mühelosen Bewegungsabläufe im Nei Yang Gong stellen für viele Männer auf den ersten Blick vielleicht keinen richtigen Sport dar. Bis sie es selbst einmal versucht haben! Es gibt eine Übung „Das Boot gegen den Strom stoßen“. Sieht leicht aus, aber ich verspreche Ihnen: nach ein paar Wiederholungen weiß jeder Muskel Ihres Körpers, was er gemacht hat. Und sie wissen wieder, wo überall in ihrem Körper Muskeln sind!

Ist Nei Yang Gong also auch für Männer geeignet?

Petra Wüller: Unbedingt. Es kommt einfach auf den Versuch an. In unseren Schnupperkursen kann es jeder einfach mal ausprobieren – Männer und Frauen.

Worauf sollte ich achten, wenn ich mich für Nei Yang Gong-Kurse interessiere?

Petra Wüller: Auf jeden Fall sollte man sich die Qualifikationen des Kursleiters anschauen. Er sollte zum Beispiel beim Nei Yang Gong Zentrum Berlin verzeichnet sein. Eine große Rolle spielen auch Sympathie und Vertrauen. Man verbringt in den Übungen schließlich viel Zeit miteinander und man muss sich aufeinander einstellen können.

Es gibt auf dem Markt Angebote für Kurse, die sich exklusiv an Krebspatienten richten. Wirken Qi Gong bzw. Nei Yang Gong gegen Krebs?

Petra Wüller: Leider nicht direkt. Als Ärztin mit dem Schwerpunkt auf der Betreuung von Krebspatienten sowie als Psychoonkologin könnte ich nicht sagen, dass Qi Gong eine schulmedizinische Krebstherapie ersetzen können.

Hingegen wird Qi Gong in der Komplementär(!)medizin ausdrücklich für Krebspatienten empfohlen, so bspw. von der Deutsche Krebshilfe: „Qi Gong ist eine anerkannte Heilmethode der Traditionellen Chinesischen Medizin. Auch hierzulande wird sie immer öfter bei der Behandlung von Krebs-Patienten angewandt. Denn die Übungen kombinieren Entspannung mit körperlicher Aktivität, fördern ein positives Lebensgefühl und können so auch körperliche Beschwerden lindern.“

Qi Gong kann also positiven Einfluss auf das Wohlbefinden und auf den Verlauf einer Krebstherapie nehmen.

Gibt es dafür spezielle Ausrichtungen des Qi Gong?

Petra Wüller: Es gibt Formen des Qi Gong, die sich sehr zielgerichtet auf die Therapie von Krebserkrankungen richten: Das sind im Wesentlichen

  • Nei Yang Gong
  • und das Guo Lin Qi Gong (umgangssprachlich auch als „Krebs-Qi Gong“ bekannt)

Ich bin in beiden Formen des Qi Gong ausgebildet und kombiniere sie, je nachdem, welche konkreten Bedürfnisse meine Patienten haben.

Sind die Erfolge wissenschaftlich belegt?

Petra Wüller: Allgemein weiß man heute, dass bestimmte Formen des Qi Gong die medizinische Prognose von Krebspatienten sehr verbessern können. Dass Qi Gong bspw. die Lebensqualität von Brustkrebspatientinnen deutlich steigert, zeigte eine 2013 veröffentlichte wissenschaftliche Studie [4]. Man muss aber auch wissen, dass dies kein Selbstläufer ist.

Während oder nach einer Krebstherapie sollte ein Patient mindestens eine Stunde täglich üben. Das klingt zunächst nach viel Aufwand, ist aber ein kleiner Preis für die zu erreichenden positiven Effekte. Außerdem macht es ja auch Spaß, wird also oft gar nicht als Anstrengung wahrgenommen.

Wer sollte an Ihren Kursen teilnehmen?

Petra Wüller: Unsere Kurse stehen sowohl Krebspatienten in der Therapie und in der Rekonvaleszenz (also der Erholung nach einer Krankheit), aber auch Menschen offen, die durch Bewegung, Entspannung und Atmung einen Beitrag nicht nur zur individuellen Krebsvorsorge, sondern ganz allgemein für mehr Fitness, Wohlbefinden und Ausgeglichenheit leisten wollen.

Das Gespräch führte Dr. Stephan Mallik.

  • [1] Deutsche Ärztegesellschaft für Akupunktur e.V. (DÄGfA)
  • [2] Deutsche Krebsgesellschaft (DKG)
  • [3] MammaCare ist eine wissenschaftlich und schulmedizinisch anerkannte Form der Selbstuntersuchung der Frau zur Früherkennung von Brustkrebs durch das geschulte Abtasten der eigenen Brust.
  • [4] Qigong improves quality of life in women undergoing radiotherapy for breast cancer. Results of a randomized controlled trial
    DOI: 10.1002/cncr.27904

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